BILD Dir eine bessere Meinung!

Die BILD-Zeitung, über die Grenzen Deutschlands hinaus anerkanntes und gemeinhin das Kieferorthopädische Fachorgan par Excellence, brillierte dieser Tage mit einem angeblichen »Abzockskandal« in der Kieferorthopädie¹, der genauso kompetent aufgemacht und recherchiert ist, wie die BILD »unabhängig« und »überparteilich«.
Eines muß man ihr aber lassen: Wer es schafft, die ganze Kollegenschaft zu erzürnen, der hat zweifelsohne eine kritische Würdigung mit spitzer Feder verdient. Und wenn die Unterschrift des Aufmachers dann noch »Keiner weiß, was sie wirklich bringen!«¹ lautet, dann muss man sich ob des reißerischen Artikels ernsthaft die Frage stellen, ob BILD sich hier in Wirklichkeit nicht auf seine eigene journalistische Sorgfaltspflicht bezieht. Und um die soll es hier gehen…

Um ebenjene Sorgfaltspflicht scheint es schlecht bestellt, wenn die Titelschlagzeile »Milliarden-Abzocke mit Zahnspangen«¹ noch lauthals Tatsache! brüllt, um im Seite-3-Text dann nur noch als »häufig[er] offenbar[er]«¹ Bettvorleger-Abzock-»Verdacht«¹ zu landen. Ein einfaches Fragezeichen am Ende hätte der Wahrheit zumindest ein wenig genüge getan, doch das hätte sich wohl zu negativ auf das Reißerische und die Schriftgröße der Schlagzeile ausgewirkt. Schließlich kämpft auch die BILD-Zeitung mit solch bewährten Methoden um die Lesergunst, dass diese grob lediglich zu einer Halbierung der Auflage in nur zehn Jahren² geführt hat. Tempi passati.

Während die Zahnzwischenraum-Gemeinde Mut zur Lücke fordert, scheint BILD diese Aufforderung in ihr Sujet übertragen zu haben: Lückenpresse, über die manch einer nicht nur fachbedingt die reine Wut über die Lücke empfinden kann. Aber machen wir doch lieber das, was wir am besten können, helfen der BILD auf die Sprünge und sorgen mal für einen zünftigen Lückenschluß, was diesen »Fachbeitrag« angeht…

»Helfen Zahnspangen nur dem Geldbeutel der Ärzte?«³, fragt entrüstet BILD groß in der Fortsetzung auf Seite 3. Und man muss mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um nicht zu antworten: Ja, natürlich!
Genauso, wie Reisen nur dem Geldbeutel des Reisebüros helfen, Wohnungen nur dem des Vermieters und BILD nur dem Geldbeutel seines Verlages; wobei beim letzteren, es wirklich sein könnte, dass – aber egal, lassen wir das lieber…

Kleiner Griff in die Propagandakiste gefällig? Nun, wenn sie mal so richtig für Entrüstung sorgen und diese in Zahlen ausdrücken möchten, was nehmen Sie denn dann, absolute Zahlen oder prozentuale? Natürlich nur erstere, aber eben auch nur dann, wenn es »besser« klingt:
Über eine Milliarde kostet diese vermeintliche Abzocke! Pro Jahr! Davon kann Tante Erna viel Kuchen essen und Onkel Kostas noch mehr Zaziki. Das sind zweifellos viele Nullen. Aber wieviele Nullen sind es denn in Bezug auf die jährlichen Gesundheitsausgaben Deutschlands letzten Jahres? Tja, in der Tat auch (fast) eine Nullnummer, nämlich unter 0,3 Prozent!

Apropos Nullen. Wenn es aber (noch nicht einmal) um das eine Prozent und damit Gerechtigkeit geht, kann die SPD nicht weit sein: Gesundheitsexperte Lauterbach hyperventiliert, bis sich nicht nur seine Fliege im Kreis dreht. Das ganze sei – mangels medizinischer Notwendigkeit – »reine Abzocke der Eltern!«³. Dass über die medizinische Notwendigkeit hingegen nicht der Kieferorthopäde, sondern immer noch die GKV entscheidet, eine »Abzocke« bei einer reinen Kassenleistung rein abrechnungstechnisch nicht möglich ist oder eine von der GKV als nicht medizinisch notwendig indizierte und damit abgelehnte Behandlung ohnehin meist aus ästhetischen Gründen und von Erwachsenen (für diese!) bezahlt wird – geschenkt.

Überhaupt, der angezweifelte medizinische Nutzen; die DGKFO schreibt (zurecht!) in Ihrer Pressemitteilung vom 25.04.2018:

Die Gesellschaft widerspricht jedoch der pauschalen Behauptung, dass der Nutzen der kieferorthopädischen Therapie nicht gesichert sei. Publikationen auf höchstem Evidenzniveau belegen beispielsweise, dass Fehlstellungen –vergrößerte sagittale Frontzahnstufen – unbehandelt derzeit weltweit für jährlich über 200 Millionen Verletzungen mit entsprechenden Folgekosten verantwortlich sind. Ebenso belegen Untersuchungen, dass sich die Wahrscheinlichkeit eines Frontzahntraumas bei dieser Form der Fehlstellung verdoppelt.⁴

 

Soviel zum Thema »evidenzbasierte Herangehensweise«. Dass im Artikel zuerst der medizinische Nutzen komplett negiert und dann im gleichen Anschluss ein Kind mit vergrößerten sagittalen Frontzahnstufen vorgestellt wird, bricht dann noch den Zacken aus der Krone.

War der Hauptartikel noch gerade einigermaßen »erträglich«, so stellt der Nebenartikel »Verkaufsgespräch bei der Kieferorthopädin: Bei jedem Wort klingelt die Kasse«⁵ intellektuell wie inhaltlich einen echten Klasse III Fall dar. Der »authentische« Augenzeugenbericht einer anonym anklagenden Mutter beginnt in ebensolcher Fettschrift. Die durchtriebene Kieferorthopädin sagt:

Jetzt zeige ich Ihnen mal, was es alles so gibt – und dann suchen Sie aus, was Sie möchten.⁵

 

Aufgeklärt über alle Behandlungsmöglichkeiten? Check. Freie Wahl dem Patienten überlassen? Ebenso. So beginnt laut BILD also ein hinterhältiges Verkaufsgespräch. Aber es kommt noch schlimmer: Die Mutter muss selbst bei der Kassenleistung in Vorleistung gehen!
Dass a) dies gesetzlich aus gutem Grunde und nicht von der Kieferorthopädin vorgeschrieben ist und b) die Mutter dies auch bei einem VW Polo müsste – davon kein Wort.

Jetzt geht’s ans Eingemachte und an das »Upselling«, die AVLs:

»Da sieht man kaum, dass man eine Spange trägt«, frohlockt die Kieferorthopädin. […] Und was kostet das? Knapp 100€ pro Bracket? Ich starre Frau A. an und versuche einen Gesamtpreis auszurechnen – wieviele Zähne hat meine Tochter überhaupt?

Jetzt kommt der beste Verkaufs-Trick. Nachdem sie mich in Panik versetzt hat, folgt das Kompromiss-Angebot: »Manche nehmen auch nur vier Brackets für die Vorderzähne oben, das sieht schon ganz gut aus.«

Fast erleichtert stimme ich zu, 400€ auszugeben. Die Verkäuferin – äh Kieferorthopädin – hat mich geknackt.⁵

 

Die Inflation scheint im April 2018 sehr stark angestiegen zu sein. 100€ für ein Keramikbracket. Nun ja, lassen wir das mal so stehen.

Die raffgierige Kieferorthopädin erläutert also die ästhetischen Vorteile von Keramikbrackets und macht was genau, wenn diese von Mutter und Kind offensichtlich gewünscht sind? Anstelle á la »Draußen gibt’s nur Kännchen!« gleich einen kompletten Fall anzubieten, empfiehlt sie selbstständig lediglich 2+2 OK und verzichtet damit auf einen theoretischen Gewinn von 1.600€. Das macht sie also böse. Wäre demnach das gegenteilige Verhalten moralisch besser? Wie man es also macht…

Die Katharsis neigt sich wie der Artikel dem Ende zu. Die Mutter fühlt sich »über den Tisch gezogen«⁵, weil sie in einer informierten und freien Wahl sich für die für sie richtige Behandlungsmethode entschieden hat.
Doch es ist und bleibt ein Skandal, denn diesem wohnt eine bezaubernd schöne Logik inne á la:

»Musstest Du Dir unbedingt die teuersten Schuhe kaufen?«.


»Ja, das bin ich mir wert, die musste ich einfach haben!
Außerdem, das war nur der Verkäufer schuld!«

 

Aber was soll’s. Morgen schon wird die nächste Sau durchs Mediendorf getrieben. Dann bekommt entweder ein korrupter Politiker sein Zeug weg oder Hartz4-Malle-Ralle einen drüber gezogen. Was wir garantiert nicht sehen werden, ist die frechste Sau von allen: Leser-Abzocke durch tendenziöse Meinungsmacher-Artikel. Denn keiner weiß, wem sie wirklich was bringen…

 

QUELLEN
¹
»Milliarden-Abzocke mit Zahnspangen«, Autoren: K. Weise, L. Krüger und S. May, BILD-Ausgabe vom 25.04.2018, S.1
² vergleiche http://meedia.de/2018/02/02/die-65-jahre-auflagen-bilanz-der-bild-rekorde-in-den-1980ern-seit-2002-geht-es-rasant-nach-unten/

³ »Milliarden-Abzocke mit Zahnspangen«, Autoren: K. Weise, L. Krüger und S. May, BILD-Ausgabe vom 25.04.2018, S.3
 siehe https://www.dgkfo-vorstand.de/fileadmin/redaktion/presse/DGKFO_Pressemitteilung_20180425.pdf
»Bei jedem Wort klingelt die Kasse«, Autor: Anonym, BILD-Ausgabe vom 25.04.2018, S.3

Malte Rüscher

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